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Wellenreiter-Kolumne vom 22. Januar 2011
Die zweite Inflationswelle
Vor knapp drei Jahren, im April 2008, warnte die UN vor einer weltweiten
Hungersnot. 100 Millionen Menschen seien bedroht. Zudem seien die Preise
in den Entwicklungsländern um 100 Prozent gestiegen. Warnungen bezüglich
gewaltsamer Unruhen ergingen.
Ein Sprung in den Januar 2011. Wieder beginnen die hohen
Lebensmittelpreise in den Entwicklungs- und Schwellenländern für mediale
Aufmerksamkeit zu sorgen. Spiegel Online berichtet von einer
„Preisexplosion bei Lebensmitteln“. In Asien fürchte man Hungersnöte.
Ein Blick auf die Charts zeigt die Entwicklung. Im April 2008 hatte der
Getreideindex eine einjährige Preisverdoppelungsphase hinter sich (siehe
roten Pfeil folgender Chart). Diese bedeutete praktisch das Preishoch.

Aktuell nähert sich der Getreide-Index dem Preishoch aus dem Jahr 2008.
Die Bewegung verläuft schneller und kräftiger als damals: In den 6 Monaten
seit Juli 2010 wurden 80 Prozent des Anstiegs von 2008 vollzogen. Zudem
haben Zucker, Baumwolle und Kaffee ihre 2008-Hochs deutlich hinter sich
gelassen, genauso wie Gold und Silber.
Der Reispreis zeigt im Vergleich zu anderen Getreidesorten relative
Schwäche. Das Preishoch aus dem Jahr 2008 ist noch längst nicht erreicht.

Zöge der Reispreis an, würde sich die Inflationsproblematik in Asien
verschärfen. Zwischenfazit: Die Aufwärtsdynamik der Rohstoffpreise
erscheint intakt.
Nichts fürchtet die Politik mehr als steigende Lebensmittelpreise. Das
gilt nicht nur für Indien, sondern auch für China. Unruhen in China sind
eine Vorstellung, die der chinesischen Führung schlaflose Nächte bereitet.
China hat 1,2 Milliarden Einwohner. Der Parteiführung ist klar, dass sie
im Falle eines koordinierten Aufstandes nur eine geringe politische
Überlebenschance hätte. Aus diesem Grund wird versucht, die
Preisentwicklung – und damit auch die Wirtschaftsentwicklung – mit allen
Mitteln zu bremsen. Zins- und Steuererhöhungen sowie die Erhöhung der
Mindestreservesätze zählen zu den gewählten Mitteln.
Warum sollte Inflation Unruhen auslösen? Essen, Trinken und
Schlafen zählen zu den Grundbedürfnissen eines Menschen. Diese und weitere
Bedürfnisse hat Abraham Maslow in seiner Bedürfnispyramide dargestellt.
Menschen, die am Existenzminimum leben, kommen häufig über die erste Stufe
(Grundbedürfnisse) kaum hinaus.

Quelle: Wikipedia
Wie entwürdigend ist es, wenn man feststellt, dass der eigene Lohn
aufgrund einer Teuerung nicht mehr reicht, um die eigene Familie zu
ernähren? Menschen, die zuvor leidlich zu essen hatten, geraten ohne
eigenes Verschulden in eine Notsituation.
Während Hunger physische Schmerzen bereitet, lässt ein „Downgrade“ einen
Menschen aus psychologischer Sicht leiden. Vier Bedürfnisebenen höher
(„Anerkennung und Wertschätzung“) sieht das so aus: Es schmerzt, wenn das
große Auto in ein kleines Auto eingetauscht werden muss, weil das Geld
knapper wird. Wenn man seinen Arbeitsplatz verliert, muss man zwar in
unserer Gesellschaft nicht hungern. Das Selbstbewusstsein leidet jedoch.
Inflation trifft zuerst diejenigen, die am Existenzminimum leben.
Inflation macht diese Schicht wütend. Steigt die Inflation weiter, beginnt
sich zusätzlich die Mittelschicht Sorgen zu machen. Allgemeine Unruhe
kommt auf.
Betrachten wir Bangladesh. Im Jahr 2007 bescheinigte Verkaufstalent Jim
O’Neill (Goldman Sachs), dass Bangladesh als „Next 11-Mitglied“ in Zukunft
zu den größten Volkswirtschaften der Welt gehören dürfte. Seit Mitte
Dezember fallen die Kurse an der Börse in Dhaka dramatisch. Der Leitindex
hat innerhalb eines Monats 30 Prozent verloren. Die Ausschreitungen auf
den Straßen nehmen zu, da viele Anleger ihre Ersparnisse verloren haben.
Das Land östlich von Indien ist eines der ärmsten Länder der Welt. Die
Inflation steigt rasant. Die Toleranz gegenüber steigenden Inflationsraten
ist gering. Die Bevölkerung ist nicht in der Lage, mehr Geld für
Lebensmittel auszugeben als zuvor. Also wird weniger konsumiert.
Die Inflationstoleranz (also die Fähigkeit, Inflation über Löhne und
Ersparnisse auszugleichen) dürfte bei der Mehrheit der indischen
Bevölkerung nur unwesentlich höher ausgeprägt sein als in Bangladesh. Die
Lebensmittelinflationsrate beträgt in Indien 18,3%. Der indische
Aktienmarkt zeigt seit Anfang des Jahres eine fallende Tendenz.
Das ist erklärbar: Aktienmärkte zeigen ihre beste Performance in einem
Umfeld niedriger Inflationsraten. Für die USA beträgt dieser Korridor 2
bis 5 Prozent. Inflationsraten unter 2 Prozent oder gar Deflation bringen
die US-Aktienmärkte genauso ins Stocken wie Inflationsraten oberhalb von 5
Prozent. Im Falle anderer internationaler Märkte dürfte ein ähnlicher
Korridor vorliegen.
Der „Case in Point“ ist Indonesien. Das mit 242 Millionen Einwohnern an
vierter Stelle der Bevölkerungsstatistik stehende Land weist im Dezember
einen Anstieg der Inflationsrate auf 7 Prozent auf. Die
Nahrungsmittel-Inflationsrate beträgt 16 Prozent. Der Aktienmarkt ist seit
Mitte Dezember um 11 Prozent gefallen.

Die Währung fällt, ebenso die Bonds (=steigende Renditen). Das
internationale Kapital hat Angst vor eine Zinserhöhung. Es befürchtet
nicht zu Unrecht konjunkturelle Bremseffekte und verlässt das sinkende
Schiff (auch wenn nicht klar ist, ob es tatsächlich sinken wird). Ähnliche
Reaktionen erwarten wir auch für andere Schwellenländer. Die Aktienmärkte
sind jedenfalls bei steigenden Inflationsraten kein sicherer Hafen.
Inflation bricht dann in sich zusammen, wenn die Kaufkraft aufgrund
sinkender Reallöhne nachlässt. Je höher die Inflation, desto schwieriger
wird es, den Schock der nachlassenden Kaufkraft abzufangen. Üblicherweise
folgt einer Phase der Inflation eine rezessive bzw. deflationäre Phase.
Aktienmarkt-Leitindizes zählen zu den besten voraus laufenden
Konjunkturindikatoren. Das Zittern in Asien zeigt eine konjunkturelle
Abschwächung an. Die Rohstoffpreise dürften dies spätestens zur
Jahresmitte 2011 zu spüren bekommen. Erste Brüche sind bereits erkennbar:
Die Edelmetalle zeigen relative und absolute Schwäche.
Der ersten Inflationswelle Frühjahr/Sommer 2008 folgte die Baisse im
Herbst 2008. Aktuell rollt die zweite Welle. Folgt erneut eine Baisse?
Während im Jahr 2008 die USA die Schwellenländer in die Abkühlungsphase
zwangen, dürfte es diesmal umgekehrt laufen: Die Schwellenländer sind zu
massiven Bremsaktionen gezwungen. Die dortige konjunkturelle Abschwächung
dürfte die USA – und auch Europa – im Laufe des Jahres treffen.
Verfolgen Sie die Entwicklung
der Finanzmärkte in unserer handelstäglichen Frühausgabe.
Robert Rethfeld
Wellenreiter-Invest
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