27.04.2010- Multiple bearishe Intermarket-Divergenzen + Sell in May …
Wer den September/Oktober 2008 erlebt hat, wird ihn nicht so schnell vergessen. Während der Urlaubszeit von Familie Rethfeld verfasste ich für die Ausgabe am 08.10.2008 den folgenden Beitrag:
http://www.wellenreiter-invest.de/Wordpress/?p=83
Der Tenor war damals, dass die Zeit zwar “einmalig”, aber die Kursmuster sind es nicht, da sie sich sehr ähnlich wie bei vorherigen Blasen entwickeln. Am Anfang des 10. Jahres sei demnach mit einem Kurshoch zu rechnen. An diesem Punkt stehen wir zeitlich, so dass die Preisentwicklung der ehemaligen Blasenmuster aktuell verglichen werden sollte.
Als ich am Donnerstag die neue Ausgabe der BÖRSE ONLINE in meinem Briefkasten fand, lautete das Titelbild: Techwerte lohnen wieder”. Vielleicht hätte man besser getitelt: lohn(t)en, denn die Kursentwicklung beträgt 100% vom Kurstief, aber das Technologiebarometer hat einen ganz wichtigen charttechnischen Punkt bei unserem Blasenverlaufsmuster erreicht. Der Widerstand von 2.055 Punkten stellt das Jahreshoch 2008 da und ist innerhalb der Baisse 2007-09 ein senkundärer Hochpunkt gewesen. Warum ist dieser Punkt so wichtig?
Der Nikkei 225 erholte sich ebenfalls V-förmig und scheiterte in 2000 in zwei Kalendermonaten an diesem Niveau, wobei mit dem zweiten Hochpunkt dann eine Trendumkehr erfolgte. Insofern kommt dem erreichten Hochpunkt eine Schlüsselfunktion zu. Eine neue Baisse ist nach unseren Marktstrukturdaten in der Art und Weise, wie es in Japan geschah, nicht abzuleiten, andere V-Erholungen zeigen bei Erreichen eines Hochpunktes eine korrektive Phase und eine monatelange Seitwärtsphase an, bis sich dann eine Abwärtsbewegung einstellt. Diese Thematik soll aber heute an dieser Stelle noch nicht vertieft werden.
Auffällig ist aus Sicht der Intermarketbetrachtung die Vielzahl der bearishen Divergenzen für den US-Aktienmarkt, die wichtigste ist zunächst die Schwäche der asiatischen Indizes.
Der chinesische Aktienmarkt toppte Ende Juli/Anfang August 2009 und fällt zuletzt aus seiner Dreiecksformation nach unten, als ein bestätigendes Signal wäre das Unterschreiten der Januartiefs zu werten. Als eine Bestätigung für eine Abwärtsbewegung wären neue Jahrestiefs anzusehen, das Intradaytief wurde bei 3.030 Punkten erzielt.
Die relative Schwäche Chinas zeigt sich auch in Hongkong, hier wurden die neuen Bewegungshochs im März/April 2010 nicht mehr nachvollzogen. Dies stellt generell eine negative Divergenz dar, in der Bodenbildungsphase 2008/9 zeigte der chinesische Aktienmarkt relative Stärke, Hongkong bliebe ebenfalls oberhalb des Preistiefs vom Oktober 2008. Weitere Indizes wie die Goldminenaktien als Infaltionsseosmograph, die im Oktober 2008 ihr Preistief bildeten, notieren unterhalb des Preishochs vom Januar 2010. Chinas relative Schwäche ist für den Rohstoffsektor als ein negatives Omen anzusehen.
Wendet man sich dem breiten US-Aktienmarkt (S&P 500) zu, dann ist der Aufwärtstrend seit Februar 2010 bzw. generell seit März 2009 intakt. Aus technischer Sicht gibt es Auffälligkeiten, die erwähnenswert erscheinen. Zum einen nahm das Handelsvolumen seit Mitte des Monats zu, die Preise legten hingegen nur noch leicht zu.

Trotz steigender Indexpreise bestätigt das Aufwärtsvolumen die neuen Preishochs zum Ende der vergangenen Kalenderwoche nicht mehr. Das Aufwärtsvolumen ist bereits auf dem Rückzug, so dass das erhöhte Handelsvolumen im Index ein Zeichen für “Distribution” ist, die Bewegung ist selektiver geworden, auch wenn dies an Indikatoren wie den neuen Hochs, die gestern noch neue Rekordniveaus erreicht haben, nicht direkt erkennbar wird.

Der TRIN liegt in seiner 10-Tageseinstellung auf einem Niveau, bei dem Preistiefs üblich sind. Nun mag der Handelstag mit der Ankündigung der SEC, gegen Goldman Sachs vorzugehen, bei diesem Spike etwas mitgeholfen haben, aber der TRIN bildet üblicherweise Hochpunkte aus, wenn die Indizes gefallen sind und nicht wenn sie im Steigen begriffen sind. Es handelt sich um ein Indiz, dass sich die Abgabereitschaft auf den aktuellen Niveaus erhöht hat. Auch von Seiten der Politik ist Abgabebereitschaft erkennbar. Neben dem Vorgehen gegen Goldman Sachs wurde am Montag angekündigt, dass sich die US-regierung von einem Teil der Citigroup-Aktien trennen will. Es werden zwar “nur” 1,5 Mrd von 7,7 Mrd Aktien verkauft, aber das aktuelle Kursniveau scheint für die US-Regierung attraktiv zu sein, einen Teil der Beteiligung abzubauen. Es mag zwar eine subjektive Beobachtung sein, aber zumindest in Deutschland wählten die politischen Vertreter außerordentlich günstige Zeitpunkte zum Verkauf von Aktien der Deutschen Post und des Hamburger Hafens (Herbst 2000 bzw. 2007) - selbstverständlich nicht aus Sicht des Anlegers.
Angesichts des momentan herrschenden Sentiments mit außergewöhnlich niedrigen Put/Call-Ratios und einem sehr niedrigen Handelsvolumen in Puts (versus Calls) und damit sehr optimistisch positionierten Investoren am Terminmarkt, stellt sich die Frage, was Investoren von dem alten Bonmot “Sell in May and go away…” halten sollen.
Rot markiert sind die Zeitpunkte 30.04. im Monatschart. Bei einem einsetzenden Bärenmarkt wie in 2000 ist ein Verkauf Ende April/Anfang Mai goldrichtig gewesen. In einem Abwärtstrend ist jeder Monat ein Verkauf, aber das Verkaufen vor dem Sommer eine 100% richtige Entscheidung. Dies gilt für 2001 ebenso wie für 2002 und auch in 2008 war ein Verkauf im Mai goldrichtig. Bei einem Turnaround wie in 2003 und 2009 wäre ein Verkauf verfrüht gewesen. Im Aufwärtstrend der Jahre 2004-07 gab es im Frühjahr oder über den Sommer Korrekturphasen. In 2006 erfolgte Anfang Mai eine etwa 10%ige Korrekturphase, die Mitte Juni bzw. Mitte Juli mit einer Doppeltiefformation endete. In 2006 stieg der Dow Jones Industrial Average im Mai bis knapp an seinen starken Widerstand des Jahres 2000 und korrigierte knapp unterhalb des Widerstands. “Sell in May and go away” ist nicht immer der richtige Ratschlag, angesichts des erreichten Widerstandsniveaus (siehe Nasdaq 100, siehe S&P 500) und des Sentiments scheint eine ähnliche Phase wie im Mai/Juni 2006 (vor der letzten Fussball-WM) möglich. Neben dem “Sell in May and go away” sollte man den zweiten Teil des Satzes “don’t forget to come back in September” (markiert sind in grün die Zeitpunkte Ende September) nicht vergessen. In Abwärtsphasen wie in 2001, 2002 oder 2008 waren Einstiege im Herbst zumindest keine substanziellen Verlustbringer und wesentlich besser als ein “Buy&Hold”, lediglich am Beginn der Trendwende in 2000 und 2007 waren Käufe Ende September/Anfang Oktober verlustträchtig, auch wenn bei einem Ausstieg im Mai des Folgejahres der Schaden begrenzt blieb.
Fazit: Die Phase der politischen Unterstützung ist vorbei, die Programme des Gelddruckens endeten in den USA per Ende März 2010. Das Momentum der Aufwärtsbewegung zeigt auch im Hinblick auf die Rohstoffe eine nachlassende Tendenz an und es bildeten sich zuletzt Divergenzen (Erdöl und Gold haben das jüngste Preishoch im S&P 500 nicht mehr bestätigt). Das sinkende Momentum läuft einer korrektiven Phase der Preise voraus, die Aktien- und Rohstoffpreise parallel treffen sollte und dabei eine Underperformance der High Beta-Werte mit sich bringen würde. Die Wahrscheinlichkeit einer einsetzenden Korrekturphase im Mai erscheint dabei hoch. Potentielle Trigger sind entweder fallende Euro/USD-Kurse und/oder ein fallender chinesische Aktienmarkt, der aufgrund der Kursmuster ein Rutsch auf neue Jahrestiefs bereits in einigen Handelstagen erwarten lässt. Mit Blick auf unsere Marktstrukturdaten ist nicht mit dem Einsetzen einer Monsterbaisse a la Japan 2000-03 zu rechnen, sondern zunächst mit einer korrektiven Phase (”Luftablassen”), so dass eine erhöhte Liquiditätsquote für die nächsten Wochen empfehlenswert erscheint.