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Weltsichten - Weitsichten
Robert Rethfeld/Klaus Singer
Einleitung
Die meisten Menschen ahnen, dass die Zeiten zunächst vorbei sind, in denen sie
voller Optimismus in die Zukunft blicken können. Sie lesen und hören viel
darüber, wie es weitergehen soll. Aber kaum etwas passt zusammen.
Der Leser weiß vielleicht noch nicht, dass sich die Welt wellenförmig, in Zyklen
oder in Widersprüchen bewegt, aber er ahnt es. Er weiß möglicherweise nicht, wie
sehr neue Technologien den Lauf der Weltgeschichte beeinflussen können, aber er
ahnt es. Der Leser ahnt auch, dass der Lauf der Geschichte maßgeblich von
handfesten Interessen und bestimmten Gesetzmäßigkeiten beeinflusst wird.
In diesem Buch versuchen wir, die vielen losen Gedankenfäden miteinander
verbinden und die einzelnen Sättigungstendenzen unserer modernen Gesellschaft in
einen Gesamtzusammenhang stellen, der durch historisches Wissen sowie
wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse untermauert wird. Wir
entwickeln verschiedene Wege ins 21. Jahrhundert, die unseren Leser anregen
sollen, sich mit seiner Zukunft auseinander zu setzen und sich seine eigene
Meinung zu bilden.
250 Jahre industrielle Revolution haben ihre Spuren hinterlassen. Wir befinden
uns aktuell auf einem Höhepunkt einer wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und
politischen Entwicklung. Die gegenwärtige Misere zeigt einen strukturellen
Charakter. Im ersten Teil unseres Buches tragen wir viele Dinge zusammen, die in
eine beunruhigend falsche Richtung laufen.
Die Bevölkerung überaltert und schrumpft, die Produktion von Erdöl geht ihrem
Höhepunkt entgegen, die globale Erwärmung des Weltklimas führt zur Anhebung der
Meeresspiegel und zur Verödung ganzer Landstriche. Die Arbeitslosigkeit steigt
hartnäckig; die Folgen der Globalisierung werden auf allen Ebenen sichtbar. Die
Globalisierung schafft anscheinend mehr Probleme, als sie zu lösen imstande ist.
Sie hat zu einem Wettlauf um preiswerte Arbeitskräfte geführt, deren Verlierer
die Arbeitnehmer der Industrieländer sind. Der Widerspruch zwischen Arm und
Reich nimmt zu und lässt weiteren Sprengstoff entstehen.
Die Finanzwelt hat die größte Spekulationsblase der menschlichen Geschichte
immer noch nicht verdaut, tiefes Misstrauen hat sich breit gemacht. Spekulative
Billionenbeträge rasen auf elektronischem Wege ungehindert um die Welt. Die
Wirtschaft kämpft mit stagnierenden Märkten und zurückgehender Kaufkraft. Die
Entwicklung der Produktivität stößt an Grenzen. Nullwachstum und
Rezessionsgefahren belasten. Das Gespenst der Inflation oder wahlweise der
Deflation geht um. Die immense öffentliche und private Schuldenlast droht, uns
zu erdrücken. Die niedrigsten US-Zinsen seit 40 Jahren vermochten an all dem
bisher nichts zu ändern.
Wie bei einem Puzzle fügen sich die gesellschaftlichen Tendenzen in diese
Landschaft. Brot und Spiele lautet das Motto. Das Fernsehen – ursprünglich als
Informationsinstrument gedacht – hat sich zu einer gigantischen
Unterhaltungsmaschinerie gewandelt und ist bis in die tiefsten Schichten der
Bevölkerung vorgedrungen. Wie in Kolosseum und Circus Maximus des alten Rom sind
die Vorführungen kostenlos – sieht man von TV-Gebühren ab. Fernsehsport wie
Fußball und Formel 1 bringen Spannung in den Alltag und bedienen das
Aggressionspotential. Die Ferienindustrie hat sich zum weltgrößten
Wirtschaftszweig entwickelt und befriedigt Wellness- und Wohlfühlinstinkte, die
sich im Arbeits- und Alltag aufbauen. Die strukturelle Krise bedroht auch dies.
Unterhaltungs- und Ferienindustrie unterliegen schließlich ebenfalls
wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten.
Die Lähmung der demokratischen Institutionen ist so offensichtlich, dass der Ruf
nach grundsätzlichen Reformen auf politischer Ebene immer lauter wird. Wir
fragen, ob die parlamentarische Demokratie am Ende ist. Stehen wir an der
Schwelle zu oligopolistischen Strukturen?
In den 1990er Jahren wurden der westlichen Wirtschaft mit der friedlichen Lösung
des Ost-West-Konflikts neue Absatzräume eröffnet. Jetzt, kaum 15 Jahre später,
wächst die Gefahr von kriegerischen Auseinandersetzungen. Die zweifellos
vorhandene Gefahr des Terrorismus wird dabei nur allzu gerne vor den Karren
bestimmter Interessen gespannt. Im internationalen Maßstab bilden sich neue
Allianzen, alte, seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bewährte, erschöpfen
sich. Die Welt wird neu aufgeteilt. Auch dies stellen wir in den
Gesamtzusammenhang einer tief greifenden Umwälzung.
Nachdem wir im ersten Teil unseres Buches die aktuellen Tendenzen nachgezeichnet
haben, fragen wir im zweiten Teil: Hat es in der Geschichte der Menschheit
bereits Präzedenzfälle für unsere gegenwärtige Entwicklung gegeben? Wie erging
es Völkern und Nationen nach dem Überschreiten des Gipfels ihrer
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklung? Wir schauen
uns das Schicksal der Griechen und Römer an. Aber auch die jüngere Geschichte
bietet Beispiele: Der Fall Großbritanniens von der Welt- zur Regionalmacht ist
ein solches.
In der Geschichte hatten Gold und Silber als Zahlungsmittel eine bewährte
Funktion. Mit der Abschaffung der Golddeckung in den Währungssystemen wurde
dieses automatisch wirkende Regulativ abgeschafft. Seit den 1930er Jahren und
den Lehren von Keynes glaubt die Wirtschaftswissenschaft, durch staatliche
Interventionen den gesellschaftlichen Wohlstand sichern zu können.
Wir wollen zeigen, dass die Entwicklung der Weltwirtschaft, ja der menschlichen
Gesellschaft insgesamt nicht gradlinig verläuft, sondern sich in Wellen bzw.
Zyklen bewegt. Menschen wie Elliott, Kondratieff oder Dow haben auf diesem Feld
hervorragendes geleistet. Kondratieff geht davon aus, dass ein langer
Wirtschaftszyklus etwa 53 Jahre beträgt. Charles Dow hat die Entwicklung von
Bullen- zu Bärenmärkten und zurück eingehend beschrieben. Elliott glaubte, mit
seinem Wellenschema ein Bewegungsmuster für die Börse, ja für alle sozialen
Vorgänge entdeckt zu haben.
Karl Marx wurde in jüngster Zeit wieder entdeckt. Seine Thesen sind aktueller
den je. Er hat die Zwangsläufigkeit der Globalisierung vorhergesagt. Eine seiner
Kernüberlegungen gilt dem Phänomen des tendenziellen Falls der Profitrate.
Unternehmensgewinne nehmen ab, wenn es nicht gelingt, zu expandieren oder teuere
durch preiswerte Arbeitskräfte zu ersetzen. Für das Verständnis heutiger
wirtschaftlicher Entwicklungen sind Kenntnisse über den von Marx geprägten
dialektischen Materialismus und seine politische Ökonomie äußerst nützlich.
Auf diesem Fundament aus aktuellen Trends und philosophisch-wissenschaftlichem
Hintergrund entwickeln wir im dritten Teil unseres Buches mögliche
Zukunftsperspektiven anhand von prägnanten Szenarien. Dabei favorisieren wir
grundsätzlich die globale Betrachtungsebene, da sich die europäische Entwicklung
globalen Trends kaum nennenswert entziehen dürfte.
Jeder der beiden Autoren entwickelt dabei sein eigenes Modell. In einer
anschließenden Analyse werden die Unterschiede beleuchtet und begründet. Uns
erscheint mit diesem Buch viel erreicht, wenn unser Beitrag zu einer notwendigen
Zukunftsdebatte den Leser anregt, seine eigenen Gedanken und Schlüsse zu formen
und zu vervollständigen.
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